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Tierische Kollektive

Friday, August 20th, 2010

Vor ein paar Wochen noch wären die 3Shades in die Bresche gesprungen und hätten in PUCH gespielt, nachdem FM Einheit und Jochen Irmler ihren Auftritt kurzfristig absagen mussten, doch das Wetter hat uns ja leider einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die spontane Zusage der Band hat uns dennoch sehr gefreut, denn das Musikerkollektiv ist eigentlich zu gut, um lediglich als Lückenbüßer für ein beschädigtes Festival-Line-up herzuhalten. Davon zeugt auch das mit einer Reihe geladener Gäste (u.a. Sängerin Jihae Simmons von The Royal We) eingespielte und 2009 erschienene Album “Thank God for Beatniks”. Die darauf enthaltenen sieben elegisch zwischen Song und Track schwankenden Stücke werfen lange Schatten in die musikalische Vergangenheit und zeigen gleichzeitig die gegenwärtigen Vorlieben der vier umtriebigen Musiker. Den Blues haben sie mittlerweile nicht nur aus ihrem Bandnamen gestrichen, er ist auch im Soundkonvolut nur noch als entferntes Echo wahrnehmbar, als gelegentlich in Lightnin’ Ivis Gitarrenspiel anklingende Reminiszenz. Ende August sind die 3Shades jetzt definitiv auch mal wieder live zu sehen bzw. zu hören, gemeinsam mit einem anderen Münchner Musiker-Kollektiv.

“Das weiße Pferd” machen nach eigener Aussage Tierlieder für Liebhaber oder Aquariumsmusik. Alles in allem erinnert das Ganze ein wenig an deutsche Tropicália, so als würde sich eine New Wave Band der frühen 80er sich mit neuen elektronischen Mitteln dem brasilianischen 60ies-Psychedelic-Rock der LSD-behafteten Os Mutantes widmen. Das weiße Pferd wurde vor einem Jahr vom Kamerakino-Sänger Piko Bello und Albert Pöschl, dem Mastermind der Münchner Echokammer, gesattelt. Man ließ den Ideen freien Lauf und unter Mitwirkung einer Reihe befreundeter Musiker aus dem Echokammer-Kosmos (z.B. Hans Platzgumer, Dizzy Errol, Relle Büst,…) wurden in zahlreichen Aufnahmesessions eine Hand voll wunderbar obskurer Tracks zugeritten, auf deren Rücken Piko beim abschließenden Voltigieren wahrlich wagemutige Gesangskunststücke vollführte. Heraus kam dann Anfang dieses Jahres das schillernde Album “San Fernando”. Neben ihrer kollektiven Arbeitsweise verbindet die beiden Bands auch noch das Artwork. Für die farbenfrohen Cover der Alben zeichnet in beide Fällen die in München lebende und arbeitende Künstlerin Anna McCarthy verantwortlich – ein Grund mehr beim Kauf zum großformatigen Vinyl mit Klapp-Cover zu greifen.

Die beiden Münchner Musiker-Kollektive “Das weiße Pferd” und die “3Shades” spielen am Freitag, den 27.08.2010, im Münchner Atlantis-Kino in der Schwanthaler Straße, Beginn: 22:30 Uhr – ein Venue und ein erfreulicher Abend, der im Veranstaltungssommerloch auftaucht wie die île mystérieuse vor der französischen Atlantikküste.

►  http://www.myspace.com/dasweissepferd
►  http://www.anost.net/3Shades

Schwerter zu Pflugscharen, Kaufhäuser zu Clubs…

Saturday, July 10th, 2010

Was machen denn nachts all diese Leute hier bei uns im Quartier? Und was soll der ganze Lärm?… Das fragen sich in zwei Wochen nicht nur ein weiteres mal die Schweine der Festivalwiese in Lueg, sondern seit April dieses Jahres auch die Bewohner von München-Obergiesing. Augenblicklich wird dort seit drei Monaten das alte Hertie-Kaufhaus, der frühere Karstadt gegenüber der Tela-Post, kulturell zwischengenutzt. Es trägt bis zu seinem Abriss, voraussichtlich Ende August, noch den schönen Namen “Puerto Giesing” und auf seinen 4000 Quadratmetern ehemalige Verkaufsfläche arbeiten Künstler, werden Ausstellungen organisiert und finden zahlreiche Lesungen, Theater und Konzerte statt. Ein letztes mal locken diese Veranstaltungen Publikum in den alten Betonblock und schüren bisweilen Gentrifizierungsängste in der Bevölkerung. Ob diese für München typische Zwischennutzung – genannt seien z.B. nur die ehemaligen Kasernengelände, der Kunstpark Ost und Wolfgang Nöths Hallenkultur – tatsächlich zu Segregations- und Wertsteigerungsprozessen im Viertel führen ist fraglich und bleibt abzuwarten. Bis dahin ist das Puerto Giesing auf alle Fälle eine Reise wert. Mit von der Partie und immer mitten drin ist auch unser Lieblingslabel von den Giesing Heights, Albert Pöschls Echokammer, das mit Dis*ka, Hans Platzgummer, Kamerakino, Queen of Japan, den Moulinettes und anderen Künstlern auch bei uns schon oft vertreten war.

Am Fr., den 16. Juli, ist Andy Butler mit Hercules & Love Affair, everybody’s darling der vergangenen zwei Jahre, zu Gast im ehemaligen Kaufhaus. Und eine Woche nach PUCH, am 30. Juli, lassen SCHLACHTHOFBRONX dort gleich nochmal die Party steigen. Das läßt ein paar grandiose Abende erhoffen. Die alteingesessenen Obergiesinger sollten jedoch beruhigt sein, denn wie sprach einst unser ehemaliger, verstorbener Ministerpräsident: “everybody’s darling is everybody’s Arschloch.” – das wissen längst auch schon die Schweine in PUCH.