GESCHICHTE

1989 beschließen Rudi Kraus, Reiner Sladek und die beiden Brüder Lenz und Hubert Lehmair für ihre eigene Band (Animal Crackers) und ein paar befreundete Bands gemeinsam ein Konzert zu organisieren. Im Sommer des Jahres findet somit in der Nähe des Übungsraumes das erste PUCH Open Air statt – mit fünf Bands und rasch verteilten Handzetteln. Als improvisiertes “Venue” und Namensstifter dient die Kiesgrube eines benachbarten Bauernhofes, der Hof des sogenannten Puchbauern.

Reiner Sladek erinnert sich “Oben: keine Wolke am Himmel. Unten: abgemähte Felder. Dazwischen Mädchen mit gepunkteten Sommerkleidern und Jungs in Dinosaur Jr.-T-Shirts. Unter den Bierbänken steht ein Fender-Verstärker und auf dem Traktor liegt eine Gibson-Gitarre… Manchmal war das Leben wie ein Neil Young Song, damals im Sommer 1989. Wir waren die Animal Crakers, hatten unsere erste Single „Small Loud Song“ veröffentlicht und gleich unser eigenes Label „wild Orange“ dazugegründet. Dafür brauchten wir ständig Geld, weshalb wir damit begonnen hatten, Konzerte und Festivals zu veranstalten: das „Goldrausch“ in Ingolstadt und das Open Air in Puch, dem Nachbardorf von Lueg, wo unser Proberaum war. Kurz bevor es losging, gab es Unruhe: Irgendjemand hatte gehört, dass sich die Markt Indersdorfer-Punks (oder waren es die Rocker? – egal irgendwas häßliches auf Motorrädern halt) angekündigt hatten, um das Puch Festival aufzumischen. Schon beim Aufbauen war eine leichte Altamount-Unruhe zu spüren. Darum entging es uns leider allen, dass sich ein Anwohner ganz andere Sorgen machte. Er war Imker und hatte neben dem Feld seine Bienenstöcke. Da der neue Indie-Krach wohl recht laut werden würde, fürchtete er, die Bienen könnten ausschwärmen und alles niederstechen, was sich bewegt. Und es bewegte sich viel: Inzwischen wimmelte es von nervösen Musikern, ratlosen Technikern und sonstigen Helfern. Mitgeholfen beim Aufbauen, beim Ausschank, beim Parkplatzeinweisen, beim Abbauen hat damals wie heute das halbe Dorf. In diesem Durcheinander trottete immer wieder der Hund vom Nachbarhof vorbei, um nach dem Rechten zu schauen. Und je später es wurde, desto mehr stank er aus dem Maul nach Essig. Er hatte das Durcheinander genutzt, um in die Metzgerei des Nachbarhofs einzusteigen. Die Tür zum Kühlhaus konnte er mit der Pfote öffnen und schnappte sich dort stangenweise den hausgemachten Presssack. Wie die Amerikaner sagen: „If life gives you lemons, make lemonade“. Intelligenz. Komik. Charme. Instinkt. Sturheit. Damit durchkommen. PUCH.”

Letztendlich kommen weder die Bienen noch die Rocker, sondern eine jede Menge Zuschauer und alles läuft so prima, dass man beschließt, das Ganze im nächsten Jahr zu wiederholen.

1991 – zwei Jahre später – spielt eine junge Weilheimer Band zum ersten mal in PUCH: The Notwist. Aus Angst um die Gesundheit der Bienen (und des Publikums) wird das Festival jedoch erstmals an den heutigen Ort verlegt, auf einen Hügel – in eine Art natürliches Theatron zwischen Waldrand und Obstbäumen – auf die Schweineweide des Bauernhofes von Hubert Lehmair. Der Name des ersten Festivalortes wird der Einfachheit halber (oder aus Faulheit?) beibehalten. Seitdem wird in PUCH jährlich bewiesen, dass die Welt doch ein Dorf ist, ein kleines oberbayerisches Dorf bei München, ein kleiner Hof und dahinter ein kleiner Hügel am Waldrand.

1992 wird PUCH anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Münchner Echt-Optimal-Plattenladens gemeinsam mit Optimal-Schallplatten ausgerichtet. Auf zwei rasch zusammengezimmerten Bühnen, eine davon mitten im Wald, treten u.a. die Goldenen Zitronen aus Hamburg auf und ein junger DJ aus dem ehemaligen Münchner “Tanzlokal Größenwahn” namens G. Hell, heute besser bekannt als DJ Hell. Es laufen noch mehr Kabel durch die Wiese, durch den Stall bis zum Sicherungskasten. Der Wald rockt, bis plötzlich auf dem ganzen Gelände das Licht ausgeht, weil die Schweine im Stall angefangen haben mit den Kabeln zu spielen… und sie absichtlich rauszuziehen.

Von diesem Zeitpunkt an wird es musikalisch mehr und mehr das Ziel der Veranstalter, vor allem deutschen, deutschsprachigen und lokalen Independent-Bands eine Plattform zu bieten und grundsätzlich eine alternative Art von Open Air zu präsentieren – ohne Bauzaun und ohne Security.

1994 wird PUCH zum ersten mal vom Zündfunk präsentiert und die Konzerte durch Bayern 2 Radio aufgezeichnet. Die Installation muss professioneller und die Technik aufgestockt werden, aber dahinter lauert immer noch die alte Can-Do-Haltung der ersten Jahre. Und egal wie sicher man die Kabel auch verlegen mag, es wird sich immer einer finden, der drüberstolpert. F.S.K. spielen “The Sound of Music”, Bernd Begemann erklimmt bei seinem Auftritt die meterhohen Lautsprecherboxen neben der Bühne und die Flowerpornoes präsentieren “Mamas Pfirsiche” und leisten sich vor ihrem Auftritt den wohl längsten Soundcheck der Festivalgeschichte.

1995 erreicht die Geschichte einen ersten Höhepunkt. Tocotronic spielen und ihr “Drüben auf dem Hügel möcht ich sein” wird für das Publikum sofort zur Festival-Hymne. Es folgen Attwenger (hypnotisch), dann Blumfeld (despotisch). Gleichzeitig herrscht hinter der Bühne hektisches Treiben (chaotisch). Zum ersten mal spielt das Wetter in PUCH nicht mit. Es beginnt schon am frühen Abend zu regnen und die starken Niederschläge stellen die improvisierte Bühne, ein paar alte Anhänger, die mit Nägeln und Kaugummi zusammengehalten und mit Planen aus dem Baumarkt überdacht wurden, auf eine harte Bewährungsprobe. Marc Deckert erinnert sich: “Nach unserem allerersten Auftritt als Monostars tanzten wir Pogo vor der Bühne. Es begann zu regnen und wir breiteten eine große Plastikplane über unseren Köpfen aus. Die Band auf der Bühne sang: ‘Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein’ und unter der großen Plane, wo etwa hundert Leute eng an eng standen, kam mir dieser Gedanke plötzlich ganz logisch vor. Als Blumfeld hinter einem Regenvorhang in einer Art Aura aus verschwommen pinkem Licht ‘Verstärker’ spielten endete alles schließlich in einem Soundgewitter aus Feedback und Obertönen.”

Attwenger beschreiben in den Liner Notes der 2009 erschienenen 20-Jahre-PUCH-Compilation den Abend treffend: „Wir steigen aus. Wiese bayerisch grün. Die Leute alle da. Blumfeld, eine nächste halbe Generation weiter Tocotronic, wir zwar auch erst fünf Jahre alt, aber trotzdem, Super Acht Kamera, im Hintergrund im Hirn Techno. Während des Konzerts Wolkenbruch, ein gutmeinender Helfer will mit einer Stange das Wasser, das sich in der Plane über der Bühne gesammelt hat, wegdrücken: nur: alles Wasser platscht auf die Bühne: Überschwemmung, Strom und Wasser, Lebensgefahr, Risiko, Lebensbestandteil, Detail, Lieblingserinnerung: PUCH“.

1998 drängt sich das Publikum in der Senke vor der Bühne erstmals dicht zusammen. Jahr für Jahr treten mehr Menschen am dritten Samstag im Juli die Stadtflucht an, um für einen Tag ihre Decke und ihr Zelt auf dem kleinen Hügel in Lueg auszubreiten, und so unterhalten an diesem Abend nach den charmanten Moulinettes die Sportfreunde Stiller zur Prime Time mit ihrem “Thonträger” – Jahre bevor sie die ausverkaufte Münchener Olympiahalle rocken werden – ein großes, frenetisches Publikum.

1999 unterstützt zum ersten Mal Thomas Lechner mit seiner Agentur Queerbeat das Festival organisatorisch. Zum 10-jährigen Jubiläum erscheint die erste Festival-CD, die “PUCH Fiction Compilation“, mit Beiträgen von Tocotronic, Blumfeld, den Goldenen Zitronen und vielen anderen. Am Abend spielen Lali Puna, Pelzig und die mittlerweile ihren Trainingsjacken entwachsenen Tocotronic. Sie haben als Roadie den Tomte-Sänger Thees Uhlmann im Gepäck, der backstage dafür um so mehr juvenile Freude versprüht, und bei ihrem Konzert kommt es zum bisher einzigen Krankenwageneinsatz in der Festivalgeschichte als ein junger Mann aus Thüringen zum Stagediven auf die Verstärkerwände klettert und von dort aus in den Morast springt. Neben Tocotronic sind an diesem Abend auch The Notwist zum zweiten mal in PUCH dabei. Live werden sie mittlerweile durch Martin Gretschmann am Laptop verstärkt und ihr Aufritt wird von ca. 2.500 bis 3.000 Menschen auf der Schweinewiese überschwänglich gefeiert. Um die Bühne herum herrscht Chaos. Die Zuschauerzahlen haben den kritischen Punkt überschritten und das Publikum hat auf dem Hügel längst keinen Platz mehr. Die Leute sitzen hinter dem Hügel und sehen die kleine Bühne gar nicht mehr, es gibt schnell kein Bier und kein Essen mehr und die Wartezeiten vor dem kleinen Toilettenwagen sind nicht auszuhalten. Die Stimmung bleibt zwar weiterhin gut, den Veranstaltern und freiwilligen Helfern wird es jedoch zu viel. Man beschließt in den nächsten Jahren, um die vorhandene Infrastruktur nicht verändern zu müssen, durch ein weniger prominentes Line-Up die Zuschauerzahl wieder in den Griff zu bekommen.

Der Festival-Bauer Hubert Lehmair bringt es in einem späteren Zündfunk-Interview lapidar auf den Punkt: “Es wäre natürlich ausbaufähig gewesen, aber wir wollten PUCH nie groß machen. Wir könnten ja hier dieses Feld nehmen und dann Mando Diao kommen lassen und richtig Ramba Zamba machen. Aber wir wollten das nie. Wir wollen nur unseren Spaß haben. Die Bands hören, die uns gefallen, und sonst nichts.”

2000 gründet eine jedes Jahr aus Freising anreisende Radlergruppe passenderweise die sogenannte “Weniger”-Sekte. Knarf Rellöm probt den Aufstand, Slut präsentieren ihr wunderbares lookbook-Album und ein Typ vom BR verdunkelt durch einen Kabelstolperer kurzzeitig das gesamte Gelände. Später lässt Martin Gretschmann wie im Vorjahr – diesmal mit seiner Console-Band – die Technik auf der Bühne brutzeln und knarzen. Den Rausschmeißer machen Stiebel Eltron, eine Allstar-Band, die aus der gemeinsamen “Isar Listening”-Tour der Bands Monostars, Moulinettes und Isar 12 entstanden war, oder wie Claudia Kaiser von den Moulinettes meint: “Die perfekte Mischung aus Spinal Tap und Gerhard Polt, aber echt.”

2001 scheinen Superpunk an der Bühnenkante stehenden um ihr Leben zu spielen, oder besser noch: um ihre Seele. Sie liefern einen wahrhaft fulminanten Auftritt ab, ein für beide Seiten – Band und Publikum – noch lange euphorisierend wirkendes Highlight. Jeans Team fühlen sich danach einfach nur noch wohl in PUCH und Stereo Total werden vom Publikum lauthals bejubelt. Die Stimmung ist bestens. Große Namen oder fette Headliner scheint hier wirklich niemand zu vermissen. Es findet sich weiterhin jedes Jahr genug Publikum auf dem Hügel unter den Bäumen ein und mit den alten Dauergästen kommen auch junge Leute mit auf das Festival – eine Tatsache, die die Veranstalter in ihrer Entscheidung bekräftigt und zum Weitermachen motiviert. Weniger ist mehr – der Kurs steht fest.

Réne Arbeithuber, der mit seinen beiden Bands Pelzig und Slut hier bereits mehrmals auf der Bühne stand, beurteilt die Relevanz von PUCH im Vergleich zu anderen Festivals so: “Ich glaube, es ist so a bisserl das kleine ‘Immergut’ des Südens. Aber PUCH gibt’s ja auch schon viel länger als das ‘Immergut’. Also eigentlich ist das “Immergut” das große PUCH des Nordens.”

2002 müssen die auf den Plakaten bereits angekündigten Surrogat wegen Krankheit ihren Auftritt leider absagen. Als Ersatz findet sich rasch Erobique, der spontan gemeinsam mit dem befreundeten Knarf Rellöm aus Hamburg anreist. Dieser teilt sich mit der ebenfalls auftretenden Bernadette La Hengst das Mikro und so entfalten die drei Nordlichter auf der Bühne eine Stunde lang einen unerwarteten und mitreißend-improvisierten Electro-Soul-Clash.

2003 sind Kante und Angelika Express die beiden Hauptakts des Festivals. Davor werden die Indie-Rocker von Cosmic Casino über die gesamte Länge ihres Auftritts auf der Bühne vom kleinen Lorenz auf seiner Kindergitarre begleitet. Mit professioneller Rockstar Pose schafft er es samt Backing Band sogar bis in den Lokalteil der Zeitung – mit Foto! (s. oben)

2005 spielt die Mediengruppe Telekommander und neben F.S.K. stehen in diesem Jahr auch Pelzig zum zweiten mal auf der kleinen Bühne am Waldrand. Michaela Melian von der Band F.S.K. erzählt später dazu in einem Interview mit dem Zündfunk: “PUCH war der Ort, wo meine Tochter als Kind schon von Anfang an auf der Decke mit dabei saß und wo sie viele Bands gehört und Musiker kennen gelernt hat. Und als wir dort zum zweiten mal spielten und ich auf der Bühne stand konnte ich meinen Augen kaum trauen und fast nicht weiterspielen, weil meine Tochter vor mir in die Menge gedived ist.” Ein Generationenwechsel bahnt sich an. Aus jungen Hüpfern werden Crowdsurfer und Stagediver. “Die Zukunft ist das neue Ding. Die Kinder bringen den Müll raus.” (Knarf Rellöm)

2007 wird auch PUCH endlich volljährig. Zum 18. Geburtstag treten die Fehlfarben auf, ein lang gehegter Traum der Veranstalter, desweiteren machen die kanadische Queer-Pop-Band The Hidden Cameras Laune und MS John Soda. Das Festival wird abermals von starkem Regen heimgesucht, der die Stimmung jedoch nicht drücken kann. Das Publikum findet dicht gedrängt und gut gelaunt unter Plastikplanen, hinter der überdachten Bar oder direkt auf der Bühne unmittelbar neben den Verstärkern sitzend Unterschlupf.

2009 feiert das Open Air schließlich seinen 20. Geburtstag. Der Jubiläumssampler PUCH erscheint im handgedruckten Siebdruckcover. Neben den wunderbaren Gustav aus Wien spielen unter anderem Britta, die tollen Ja, Panik und Jens Friebe. Die großartigen Nightingales aus Birmingham geben mit ihrem volltrunken-grantelnden Sänger Robert Lloyd ein denkwürdiges Konzert einschließlich zur Punkattitüde passender Publikumsbeschimpfung und adäquater Hasstiraden.

2010 ereignen sich gleich zwei Premieren. Im Januar findet anlässlich der zweiten Auflage des Jubiläumssamplers an zwei Abenden zum ersten mal eine Art Indoor-PUCH-Festival in München statt: PUCH goes to town. Und im Sommer muss, ebenfalls zum ersten mal in seiner Geschichte, das Open Air auf Grund durchgehend starker Niederschläge abgesagt werden. Das Gelände ist komplett geflutet, es stehen keine Anfahrts- und Abfahrtswege zur Verfügung – von Park- oder Campingplätzen ganz zu schweigen – und die Bühne kann auf Grund der Wassermassen nicht fertig aufgebaut werden.

Die Zitate hat Reiner Sladek für die Liner-Notes der PUCH-Compilation gesammelt und die Interviews Achim Bogdan für die Zündfunk-Sendung “Poptraum unterm Apfelbaum” (BR 2009). Und natürlich gilt auch im 21. Jahr noch immer was der Zündfunk geschrieben hat: „Familiär ist ein Wort, das die Atmosphäre auf dem PUCH nahezu perfekt beschreibt. Irgendwie hat man jeden schon mal gesehen und auch wenn man zum ersten Mal da ist: man fühlt sich garantiert auf Anhieb wohl auf der Wiese mit Campingdecke, einer Flasche Rotwein oder was zu Essen von einem der kleinen Stände auf dem Gelände. Das schönste kleine Festival in Bayern. Und das wird sich sicherlich so schnell nicht ändern.“